Altenhilfe für MigrantenInnen

 

 

 

 

 

 

Altenhilfe für MigrantenInnen               

 

 1.   Ausgangspunkt

2.   Hintergrund

3.   Verdienste

4.   Integrationspolitik und Anerkennung gemeinsamer Regeln

5.   Situation auf dem Arbeitsmarkt

6.   Die besondere Problematik älterer MigrantenInnen

7.   Gesundheit

8.   Beratung und Versorgung älterer MigrantenInnen

9.   Bürgerschaftliches Engagement

10.  Multikulturelle Versorgungszentren

11. Bürger- und Menschenrechte

 

1.  Ausgangspunkt ist das ENGS-Manifesto – Artikel 8

 

„Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität, die wir demokratisch gestalten wollen.

Migrantinnen und Migranten, darunter in Zukunft immer mehr Ältere, sind ein selbstverständlicher Teil unserer europäischen Gesellschaft. In unserer alternden Gesellschaft wird das Leben durch kulturelle und religiöse Vielfalt von Generation zu Generation immer stärker gekennzeichnet. Wir müssen uns in Europa öffnen in den sozialen Regeldiensten, in Verbänden, Verwaltung und Politik.“

 

2.  Hintergrund

In früheren Jahren glaubte man noch in einigen europäischen Ländern, dass die angeworbenen ausländischen Arbeitskräfte nach ein paar Jahren Beschäftigung, bzw. spätestens nach der Pension in ihre Ursprungsländer zurückkehren würden. Viele dieser Migrantinnen und Migranten der ersten Generation sind inzwischen Staatsbürger in den jeweiligen europäischen Ländern geworden, ihre Kinder und/ oder Enkelkinder sind dort geboren und aufgewachsen. Abgesehen von diesen familiären Bindungen zu den Ländern sprechen auch die meisten Gesundheits- und Sozialsysteme der Entsendeländer nicht für eine permanente Rückkehr dieser Generation. Die meisten Zuwanderer in Europa kamen und kommen  aus wirtschaftlichen Gründen, aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für die  Zukunft prognostiziert man, dass vermehrt Menschen aus Gebieten kommen, die vom Klimawandel  und den Folgen wie Trockenheit und Umweltkatastrophen betroffen sind und  deren Regierungen den Folgen keine alternativen  Konzepte und Lösungen  entgegen setzen können.

 

Auf unserem Kontinent haben wir mit unterschiedlichen Gewichtungen Menschen aus der Türkei, Italien, Polen, Griechenland, Ex-Jugoslawien, Marokko, Eritrea, Ghana, Libanon, Somalia, Irak, Iran, China, Indonesien, Sri-Lanka, den Antillen und anderen Ländern als Zuwanderer in verschiedenen EU-Staaten. Unter den früh gekommenen Migranten haben wir die größte Gruppe älterer Menschen. Alleine in Deutschland zum Beispiel werden laut Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes 2030  ca. 2,8 Millionen ältere Migrantinnen und Migranten leben.

 

3. Verdienste der MigrantInnen

Viele Zuwanderer haben in den Einwanderungsländern Pionierarbeit geleistet.

Gerade die älteren Migrantinnen und Migranten leisteten und leisten immer noch einen bedeutenden Beitrag für das Gelingen des sozialen Lebens in den Zuwandererländern, deshalb darf  das Potential der freiwilligen Selbsthilfe unter der ersten Einwanderergeneration in Form von Nachbarschaftshilfe nicht unterschätzt werden. Sie hat im Wesentlichen zur Orientierung und zur Integration beigetragen.

Überdies sollten die Regierungen die bedeutsamen Beiträge der älteren Migrantinnen und Migranten anerkennen, die sie in der Vergangenheit für die Wirtschaft geleistet haben.

Es darf auch  nicht die Gruppe der professionell pflegenden Migrantinnen in Krankenhäusern und Altenpflegeheimen vergessen werden, die schwere und wirklich wichtige und gute Arbeit leistet.

Da die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund immer größer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre speziellen Wünsche und Bedürfnisse Gehör finden, sondern sie auch Chancengerechtigkeit im Alter erfahren, denn auch sie haben das Recht auf  Würde im Alter.

 

4.  Integrationspolitik unter Anerkennung gemeinsamer Regeln

Integrationspolitik ist europäische gesellschaftliche Zukunftsaufgabe.

Eine echte Teilhabe aller Migrantinnen und Migranten aber kann es nur geben, wenn Integration und Gleichberechtigung Hand in Hand gehen. Dieses gleichberechtigte Zusammenleben ist eine zentrale gesellschaftspolitische europäische Aufgabe und bedeutet Chancengleichheit in Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Gleiche Teilhaberechte und ein gesicherter Aufenthalt sind für Integration unverzichtbar.

Integration sehen wir  als Prozess zu einem Leben in geltendem rechtlichem Rahmen, mit sozialer Chancengleichheit und kultureller Selbstbestimmung. Wir fördern das Zusammenleben in gesellschaftlicher Vielfalt mit der Anerkennung gemeinsamer und verbindlicher Regeln auf der Grundlage der Menschenrechte und der jeweiligen Gesetze der unterschiedlichen europäischen Länder. Die Achtung der Menschenrechte, Toleranz, Respekt, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung sowie die Anerkennung von demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren sind solche Grundvoraussetzungen des Zusammenlebens. Zur erfolgereichen Integration bedarf es der Bereitschaft und des Willen auf allen Seiten.

 

Integration kann nur gelingen, wenn nicht nur bei Kindern, sondern auch noch bei älteren Migranten, sowohl Frauen als auch Männern, der Spracherwerb der jeweiligen Landessprache gefördert wird. Stereotype und Vorurteile über alte Menschen, besonders ältere Migranten sind in unserer Gesellschaft anzutreffen. Die Überzeugung, dass andere für nicht besonders schlau halten werden, weil man z. B. Migrant ist, nicht so gut die Landessprache spricht und dann noch das Stereotyp alt dazu, führt zu Minderwertigkeitsgefühlen bei vielen älteren Migrantinnen und Migranten. Deshalb sollten spezielle Sprachkurse und andere Aktivitäten zur Einbeziehung und Beteiligung auch älterer Migrantinnen und Migranten noch mehr gefördert werden.

Auch ältere Analphabeten dürfen von Alphabetisierungskursen  und dem Spracherwerb der jeweiligen Landessprache nicht ausgeschlossen werden. Sprachliche Integrationskurse sollten sinnvoller Weise z. B. mit speziellen Agenturen und Einrichtungen eng verknüpft werden.

Ebenso sollten die NGO`s in ihren Aktivitäten und Hilfsprogrammen in dieser Hinsicht unterstützt werden.

 

5. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wird sich in Europa in Zukunft  drastisch verschärfen, weil es zu wenig Facharbeiter gibt. Der EU-Kommissar Spidla empfahl deshalb, Einwanderer besser zu integrieren und ausgebildete Doktoren unter den Migranten nicht als Taxifahrer arbeiten zu lassen.

Die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund ist besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen, sei es z. B. durch Mangel an Arbeit, mangelnde Integration in den Arbeitsmarkt,  frühzeitige Erwerbsunfähigkeit oder Unterqualifikation. Um in Zukunft die Chancen der Migrantinnen und Migranten zu verbessern, müssen sie in den Schulen besser gefördert werden, um auf dem Arbeitsmarkt mehr Chancen zu haben.

Durch die schlechte Integration in die jeweilige Gesellschaft, die nicht ausreichenden Sprachkenntnisse, zu wenig soziale Netzwerke und mangelnde Integration in den Arbeitsmarkt gehen den Ländern Arbeitskräfte verloren, die in manchen europäischen Ländern zusätzlich zum Verlust von Renten- und Sozialversicherungsbeiträgen wie auch Einkommenssteuern führen. Das  sind Milliardenbeträge, die seit Jahren  verloren gehen.

 

6.  Die besondere Problematik älterer Migrantinnen und Migranten

Der Beratungs – und Informationsbedarf zu  altersspezifischen Fragen bei Migrantinnen und Migranten wächst. Studien belegen, dass die gesundheitliche  und soziale Lage älterer Migranten im Vergleich zu einheimischen  Altersgruppen deutlich schlechter ist.

Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund scheiden häufiger frühzeitig  aus dem Arbeitsleben aus, haben häufiger finanzielle Einschränkungen und Verständigungs-schwierigkeiten durch Sprachdefizite. Das sind Hinderungsgründe für ein aktiveres Teilhaben am öffentlichen Leben. Nach dem Berufsleben wollen auch sie aktiv bleiben, aber  wissen nicht, wie sie das machen sollen.

 

Da die Gruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund immer größer wird, ist es an der Zeit, dass nicht nur ihre speziellen Wünsche und Bedürfnisse Gehör finden, sondern sie auch Chancengerechtigkeit im Alter erfahren.

Als negative Punkte sehen Migrantinnen und Migranten oft die unfreundliche ausländer- feindliche Mentalität in ihrer neuen Heimat und den mangelnden Respekt vor dem Alter. Ältere MigrantenInnen stehen der besonderen Gefahr der vielfachen Diskriminierung gegenüber und es erfordert spezifische Politik und kultursensible Dienstleistungen, wie sie in „Recommendation 1619  EU (2003) für die Rechte älterer MigrantennInnen“ umrissen sind.

 

-  In Bezug auf die besonders zu schützende Gruppe der älteren Migrantinnen und Migranten sollte über die Konsequenzen für sie und die Gesellschaft reflektiert werden, die durch sie in Zukunft entstehen.

 

-  Ein spezifisches Programm zur generellen Unterstützung älter  werdender  Migrantinnen und Migranten sollte erstellt werden.

 

- Die Altenpolitik muss sich auf die sehr heterogene Gruppe der Migrantinnen und Migranten  einstellen, die aufgrund ihrer verschiedenen ethnischen, religiösen und kulturellen Herkunft sowie ihrer unterschiedlichen sozialen Lebenslagen keine einfachen Standardlösungen ermöglicht.

 

-  Die gravierendsten Schwierigkeiten, mit denen ältere Zugewanderte kämpfen, sind vor allem Beeinträchtigung der Gesundheit, bzw. Krankheiten, Wohnungsprobleme und Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Rente.

 

-   Ein Vorsorge-Gesundheitssystem für ältere Migrantinnen und Migranten sollte vorhanden sein, im Bereich Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser und Hospize.  Bezogen auf die Gesundheitsfürsorge sollten die existierenden Strukturen der Gesundheitsfürsorge, falls noch nicht vorhanden, und die Unterstützung an die kulturellen Bedürfnisse der älteren Migrantinnen und Migranten angepasst werden.

 

-   Zu fördern sind ebenfalls Formen der Selbsthilfe und Selbstorganisation.

 

- Soziale und andere Hilfsdienste sind auf die Lebensbedürfnisse älterer Migrantenfamilien hin zu erweitern bzw. auszubauen.

 

- Mitarbeiter müssen in allen Bereichen, in denen ältere Migrantinnen und Migranten beraten, betreut und begleitet werden, Weiterbildungs-, Supervisions- und Peer-Gruppen-Angebote erhalten.

 

- Zu fördern ist ebenfalls die Bereitstellung praktischer Informationen für ältere MigrantInnen über das Recht auf Sozialhilfe, Renten, Gesundheitsfürsorge im Gastland und dem Herkunftsland durch öffentliche Institutionen, Gemeindezentren, Migranten-Organisationen, Kulturzentren und religiöse Institutionen. Erleichterung der Verbindungen zwischen den älteren Migrantinnen und Migranten und ihrem Herkunftsland ist deshalb eine logische Folge.

 

-   Zu fördern sind Modellversuche von seniorengerechten Wohnformen und Wohninitiativen für ältere Migranten.

 

Wir setzen uns für eine interkulturelle Öffnung und Modernisierung der Altenhilfe durch gezielte Kooperation mit Migranten-Organisationen, Beratungsstellen für MigrantInnen und Selbsthilfeorganisationen ein.

 

7.  Gesundheit der MigrantInnen

In unserer Gesellschaft achten immer mehr ältere  Menschen auf ihre Gesundheit, sei es, dass sie auf ihr Gewicht achten, auf gesunde Ernährung oder Fitness-Training nach dem Motto: Aktiv leben – gesund alt werden! Das wachsende Gesundheitsbewusstsein ist eine positive Entwicklung. Leider hat sie vor allem ältere Migrantinnen und Migranten nicht in dem Maße erreicht, wie es sinnvoll wäre. Bei ihnen setzt der Alterungsprozess ca. 10 Jahre eher ein, bedingt durch  schwere Arbeits- und Lebensbedingungen in der Migrationsphase.

Besonders ältere Migrantinnen sind häufig in einem besorgniserregenden Gesundheits-zustand. Um hier Abhilfe zu schaffen, treten wir für eine vermehrte Anstrengung ein, auch diese Personengruppen über Prävention und Gesundheitsförderung besser aufzuklären. Rückzugstendenzen  zur  eigenen ethnischen Bezugsgruppe der  älteren  Migrantinnen und

Migranten muss durch bedarfsgerechte Sportaktivitäten entgegen gewirkt werden. Dabei empfehlen wir,  mit den jeweiligen Migranten-Organistionen in den einzelnen europäischen Ländern zusammenzuarbeiten.

Wir brauchen sprachlich und kulturell sensible Aufklärungsprogramme für die Förderung von sozialen und gesundheitlichen Ressourcen älterer Menschen mit Migrationshintergrund,  die auch  von ihnen selbst gestaltet werden können. Niedrigschwellige Angebote in Form von Kursen können den Zugang zum Sporttreiben erleichtern.

-   Migrantinnen und Migranten haben in ihrer neuen Heimat durch bessere Gesundheitsversorgung eine steigende Lebenserwartung. Problematisch ist dabei, dass sich mit dem Älterwerden der MigrantenInnen in den verschiedenen europäischen Ländern auch bei ihnen vermehrt Demenz einstellt, die man im alten Heimatland kaum kannte. Häufig kennen auch die Angehörigen diese Krankheit nicht. Es bedarf hier besonderer Aufklärung. Ein besonderes Merkmal bei  den an Demenz erkrankten  Migrantinnen und Migranten ist, dass sie die Sprache im Zweitland, die sie dort erlernt haben, vergessen. Das bedeutet, dass sie einen besonderen Bedarf an Altenheimen haben werden.

Problematisch kann deshalb  in absehbarer Zeit, d. h. in 10-15 Jahren, die Versorgung älterer Migranten bei Krankheit und Pflege werden. Auch in den Familien mit Migrantionshintergrund ändert sich die Lebensweise, sodass die Familien weniger Kinder haben. Die Kinder der Migranten stehen oft auch nach der Heirat im Berufsleben, sodass es nicht mehr selbstverständlich ist, dass sie ihre Eltern im Alter betreuen und pflegen können.

Ziel der Politik muss es sein, auch für Migrantinnen und Migranten angepasste Wohnformen fürs Alter, Vorsorge für Pflege -  auch ambulante Pflege – zu schaffen sowie  Angehörige von dementiell erkrankten Migrantinnen und Migranten über Symptome, Diagnostik und Therapiemöglichkeiten zu informieren und Begleitungs-, Versorgungs- und Entlastungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

 

8.  Beratung zur Versorgung älterer MigrantInnen

In Zukunft brauchen besonders ältere Migrantinnen und Migranten vermehrt Hilfe.

Aber nicht zu leugnen ist, dass die Zugangsbarrieren der Migrantinnen und Migranten zu den sozialen Diensten sehr hoch sind. Es mangelt in der Regel den hilfsbedürftigen Migrantinnen und Migranten an Wissen um die Existenz der sozialen Dienste und an sprachlicher Kompetenz für eine erfolgreiche Verständigung.

Vorstellbar ist auch, dass es den Migrantinnen und Migranten an Vertrauen in die Beratungssysteme und deren Mitarbeiter mangelt. Oft fühlen sie sich von ihnen in ihrer Lebenssituation nicht verstanden und auch stigmatisiert.

Eine weitere Hemmschwelle ist die Angst vor Behörden und eventuellen ausländerfeindlichen Konsequenzen.  

Ebenso muss auf strukturelle Zugangsbarrieren wie z. B. Wohnortferne oder Öffnungszeiten hingewiesen werden, die mit den Arbeitszeiten vieler belasteter Migrantenfamilien nicht in Einklang zu bringen sind.

Zu überlegen wäre, um dieses Problem in den Griff zu bekommen, ob nicht auch vermehrt Fachkräften mit Migrationshintergrund der Zugang zu Stellen in Verwaltung und sozialen Diensten gewährt werden müsste, um den Migrantenhintergrund zu berücksichtigen und interkulturelle Öffnung zu realisieren.

Unser Ziel muss es sein, dass  durch diese Fachkräfte mit Mitgrationshintergrund  in den  Bereichen Altenhilfe, Gesundheitswesen, Aus- und Fortbildung, Migrationsarbeit, Selbsthilfe-Organisation, Forschung, Politik und in angrenzenden Tätigkeitsbereichen Impulse gegeben werden und sie  in ihren Zuständigkeitsbereichen die Belange älterer Migrantinnen und Migranten  berücksichtigen können, um deren Versorgungs- und Lebenslage  zu verbessern.

 

9.  Bürgerschaftliches Engagement

Aktuelle politische Debatten drehen sich immer mehr um das brachliegende Potential älterer Menschen und das Bedürfnis, sie stärker für gesellschaftliche und sozialpolitische Aufgaben zu gewinnen. Erstaunlich ist, dass ältere Migrantinnen und Migranten dabei in der Regel nicht erwähnt werden.

Man sieht sie meist nur als homogene Gruppe mit einem einheitlichen Lebenshintergrund, die im Alter pflege- und hilfsbedürftig ist und verkennt ihre reichhaltigen Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens auch als Zuwanderer gewonnen haben.

Wir setzen uns für Programme ein, die sich für kulturelle Vielfalt einsetzen und sich den Bedürfnissen und Interessen von Migrantinnen und Migranten anpassen, um sie so zur Teilnahme an bürgerschaftlichem Engagement zu interessieren.

Eine große Bedeutung für den Integrationsprozess wäre gerade das freiwillige Engagement älterer Migrantinnen und Migranten, die gesellschaftliche und politische Verantwortung übernehmen wollen. Ihr reicher Erfahrungsschatz, der für die örtliche Integration von Bedeutung sein könnte, wird nicht entsprechend genutzt. Bedingung ist jedoch, dass sie mit den jeweiligen Organisationsformen im bürgerschaftlichen Engagement der einzelnen Länder vertraut gemacht werden und ihnen Schulung und Qualifizierung zur Verfügung gestellt werden. Ebenso wichtig für den Kontakt bei der freiwilligen Arbeit sind verlässliche Vertrauenspersonen von beiden Seiten.

Für diese Arbeit interessiert sich jedoch nur ein geringer Teil der Migrantinnen und Migranten.

Erfahrungen zeigen, dass die typische repräsentative Form des Ehrenamtes mit einem streng einzuhaltenden Sitzungsablauf von den meisten Zuwanderern abgelehnt wird. Dagegen werden von ihnen Vorhaben in ihrem Wohn- und Lebensumfeld bevorzugt, bei denen sie Mitsprache und Mitwirkungsmöglichkeiten haben. Für die dauerhafte Aktivierung dieser Zuwanderergruppe sind Möglichkeiten des informellen Lernens, wie in Nachbarschafts-zentren  bereitzustellen.

Zu erwarten ist, dass durch freiwilliges bürgerschaftliches Engagement der Zuwanderer und durch ein besseres Kennenlernen der jeweils anderen Kultur ein Miteinander gefördert wird und Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden können. (Siehe: Kompetenz Zentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe, Berlin, Ulrika Zabel)

 

10. Schaffung von multikulturellen Seniorenzentren

Ein konsequenter Schritt zur Integration auch älterer Migrantinnen und Migranten sind multikulturelle Seniorenzentren und Altenheime.

Dazu gibt es ein hervorragendes einzigartiges Altenheim mit Modellcharakter:

Das   DRK – Multikulturelle  Seniorenzentrum   in Duisburg, NRW , Deutschland.

1997 öffnete dieses multikulturelle Altenheim seine Pforten. Durch fachliche und bauliche Konzeption hat es einen so genannten ethnischen Schwerpunkt: Der Entwicklung eines zunehmend größer werdenden Anteils älterer, pflegebedürftiger  Menschen ausländischer Herkunft soll Rechnung getragen werden.

Das Projekt ist voll gelungen, denn die konzeptionellen Überlegungen ließen sich in der Praxis mit Erfolg realisieren und tatsächlich auch die Versorgung und Integration pflegebedürftiger ausländischer Mitbürger verwirklichen.

Die Öffnung eines Altenpflegeheimes für Menschen aus anderen Kulturkreisen ist nicht leicht und erfordert für alle Beteiligten ein stetes wachsames interessiertes Wahrnehmen und Handeln. Durch den Einsatz von Empathiefähigkeit, Echtheit und der fast bedingungsfreien Akzeptanz untereinander ist ein Milieu herangewachsen, das über das normale Maß hinaus ein humanes und teilhabendes Leben  für die älteren Menschen  anstrebt und oftmals auch erreicht.

Ein weiterer Schwerpunkt: Die Belegschaft ist  interkulturell geschult und die Dienstleistungen sind interkulturell. Durch den langjährigen gemeinsamen Lernprozess hat sich ein kollektives Handeln für alle ergeben.

Die Leitung bietet den Mitarbeitern regelmäßig multikulturelle Fortbildung an, z.B. Sprachkurse und landeskundliche Kurse. Die Teams erhalten bei Bedarf spezielle Supervisionen. Kulturelle Fragen und Antworten bilden dabei den Schwerpunkt.

Den Bewohnern und Angehörigen macht die Einrichtung besondere multikulturelle Angebote. Ein interkultureller Besuchsdienst, Gebetsräume für Christen und Muslime, eine internationale Bibliothek, ein wöchentlicher mediterraner Markt und die Ausrichtung von internationalen Festen gehören dazu. In den vergangenen Jahren waren 250 Besuchsgruppen aus aller Welt  im Multikulturellen Seniorenzentrum.

 

11.  Bürger-und Menschenrechte für MigrantInnen

Kernanliegen von ENGS und den Grünen in Europa sind Bürger- und Menschenrechte für Zugewanderte und die Einhaltung humanitärer Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen.

Falls es Abschiebung in die Heimatländer gibt, dürfen besonders Schutzbedürftige, unter ihnen kranke und ältere Menschen, nicht in Krisengebiete abgeschoben werden Die Beendigung des Flüchtlingsstatus kommt nach internationalem Flüchtlingsrecht nur dann infrage, wenn die Rückkehr der Betroffenen in ihre Heimatländer in Sicherheit und Würde gewährleistet ist.

Auch illegal in Europa lebenden Menschen stehen die grundlegenden Menschenrechte zu. Es darf ihnen die Gesundheitsversorgung nicht verweigert werden. Ärzte, Sozialarbeiter und Richter dürfen nicht zur Denunziation gezwungen werden. Wir werben für einen Konsens in allen europäischen Ländern, um den betroffenen Menschen ein Angebot zur Legalisierung zu machen. In Spanien, Frankreich, Belgien und Griechenland existiert es schon.

 

-       Wir fordern ein modernes Einwanderungsgesetz

-       Wir fordern, dass der Erwerb einer Staatsbürgerschaft gefördert wird, nicht sein Verlust. Deshalb sind wir gegen das System, dass nur eine Staatsbürgerschaft erlaubt. Das ist nachteilig für die Integrationspolitik.

-       Wir fordern, dass Migranten, die länger als 15 Jahre in Deutschland leben und über 54 Jahre alt sind, auch ohne die erforderlichen Sprachkenntnisse eingebürgert werden und ihren Reisepass behalten können und dass die Härteklausel garantiert, dass ältere Analphabeten ihre vollen Bürgerrechte behalten können.

Wirkliche Teilhabe kann nur entstehen, wenn Integration  und gleiche Rechte Hand in Hand gehen.

(Wir arbeiten weiter an dem Thema: Um Ergänzungen und neue Einsichten wird gebeten.)

Ute Schmitz

 

Zusatztexte:

 

Die Integration von MigrantInnen

eine der großen Herausforderungen der Stadtgesellschaften ist die gelingende Integration vor Ort. Das Zusammenleben mit Menschen anderer Kulturen und Herkunft gehört vielmals bereits selbstverständlich zum Leben in großen Städten dazu.

Aber es wird  ein  zunehmendes Integrationsproblem festgestellt. Es gibt keine einfachen Lösungen, da der Eindruck nicht zutrifft, dass Zuwanderer eine homogene Gruppe sind.

Viele Zuwanderer sind  gut integriert und sie tragen erfolgreich zur Wirtschaftskraft und Finanzierung der Sozialversicherungssysteme bei.

Aber es gibt auch Zuwanderer mit sozialen Problemlagen wie Arbeitslosigkeit, Bildungsarmut und Perspektivlosigkeit. Ist das mit Sprach- und Kommunikationsproblemen sowie

Identifikationsdefiziten verbunden, stellt dies Herausforderungen für die Städte dar.

Integrationsanstrengungen sind für die Städte nicht kostenlos. Sprachbarrieren müssen abgebaut werden, die Förderung der sozialen Integration, die Teilhabe der Migrantinnen und Migranten am wirtschaflichten Leben, Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitikkonzepte und mehr sind notwendig.

Die Städte sehen es deshalb als notwendig an, dass das Land gemeinsam mit den Kommunen auch die Bemühungen um eine gelingende Integration weiter verstärkt. Die Sicherung der finanziellen Rahmenbedingungen gehört ebenso dazu. Nur im Zusammenwirken aller können Fortschritte erzielt werden.